Picidae erstellt Screenshots von vollständigen Webseiten und versieht sie mit Imagemaps. Damit sind die Bilder anklickbar wie richtige Webseiten. Dabei werden Benennungen zufällig verändert, sodass Zensurfilter sie nicht erkennen und ausfiltern können.

Picidae nennt sich selber ein Kunstprojekt, das vor bereits etwa 10 Jahren von Christoph Wachter & Mathias Jud durchgeführt wurde. Die beiden schreiben, sie wollten die “blinden Flecken des Internet” erforschen und sichtbar machen, indem sie die Zensurmethoden mancher Staaten und Suchmaschinen unterlaufen wollten.

Sie schreiben weiter: “Doch beim genauen Betrachten entdecken wir: die endlosen, virtuellen Weiten existieren nur scheinbar. Warum gibt es keine einzige Webseite aus Nord Korea? Keine Internetseiten zum Tiananmen-Massaker aus China? Keine rechtsradikalen Parolen aus Deutschland, keine Pin-Up’s aus dem Iran, keine Islamkritik aus Saudi Arabien, kein Demonstrationsaufruf aus Syrien?”

Ich habe bei dieser Aufzählung tatsächlich einen Moment gestutzt. Ist das so? Aber will ich das denn anders? Gerade als in Deutschland Aufgewachsener habe ich kein Interesse, mit rechtsradikalen Parolen konfrontiert zu werden. Es gibt also auch in Deutschland Zensur – aber vor allem Zensur in meinem Kopf.

In vielen anderen Ländern benötigen die Regierenden noch die technische Sperre, um ihre Bürger auf Linie zu bringen. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich China – schon allein wegen seiner Größe sticht es da hervor. Darum dient es den Machern von Picidae auch als Versuchsfeld. Aber auch viele andere Länder zählt die Electronic Frontier Foundation (EFF) auf.

Deshalb ist Picidae ein sehr interessanter Versuch, mal zu Webseiten vorzudringen, die sonst fürsorglich von der Suchmaschine des Vertrauens ausgelistet werden.

So funktioniert picidae

Was als Webseite angefordert wird… (c) picidae

Picidae ist von der Idee eigentlich ganz simpel. Es wird von einer Webseite ein Screeshot erstellt und dieser dann dargestellt.

“Wir nutzen die Tatsache, dass Information nur in bestimmter Codierung maschinell erkannt wird. Da die Bandbreiten längst ausreichen, arbeiten wir mit dem Abbild von Webseiten. In Zürich stellten wir den ersten pici-Server auf und reisten zum Selbstversuch ans Ende des Internets”, schreiben die Entwickler von picidae.

… kommt als Bild zurück
(c) picidae

Der Trick steckt aber im Detail. Damit Internetzensur die Bilder nicht erkennen und ausfiltern kann, muss einiges manipuliert werden. Denn der Firewall verhindert das Aufrufen zensierter Webseiten aufgrund von Suchworten und Linkverweisen im Content, der URL oder aufgrund der pauschalen Blockierung einer kompletten Website. Also müssen alle diese Verweise verändert und unkenntlich gemacht werden.

Kleines Fenster – große Wirkung

Ruft man den Picidae-Dienst (http://pici.picidae.net/) auf, erscheint ein Feld zur Eingabe einer Webadresse. Picidae erstellt ein Bild der angeforderten Webseite und sendet dieses über einen verschlüsselten Link zurück.

Damit man weiterhin auch auf dem Abbild der Seite surfen kann, analysiert der Picidea-Server die Webseite und legt ein Imagemap über das Abbild. So erscheinen überall dort Links, wo diese auch auf der Originalwebseite hinterlegt waren.

Aber der Trick geht noch weiter: Auf einer weiteren Ebene werden Formularfelder pixelgenau in die Seite gesetzt. So lassen sich einfache Formulare absenden und man kann wie gewohnt in Suchmaschinen und auf Webseiten recherchieren. Die Ergebnisse sind zuweilen kurios, funktionieren aber alle.

Außerdem bauen die Entwickler noch weitere Tricks ein, damit eine Erkennung verhindert wird. Seiteninhalt, Seitentitel, Bildername, Links und anderes benennt Picidae willkürlich um. Damit auch die eigentlichen Webabfragen von Zensurprogrammen nicht erkannt werden können, wird die Eingabe durch den Benutzer vor dem Übertragen eines Formulars mittels Javascript codiert.

Eigener Server für die breite Masse

Wer an diesem Dienst seine Freude hat, kann auch gerne selber tätig werden. Die Entwickler haben den Code unter der GPL freigegeben und laden andere ein, selber Server aufzusetzen, die den Dienst anbieten.

Ganz einfach ist die Geschichte natürlich nicht zu realisieren. Etwas Kenntnisse von Servertechniken sollte man schon mitbringen. Es ist aber alles mit php-Mitteln erstellt und deshalb keine Hexerei.

Ein Proxy für den Anfang

Wer sich das nicht zutraut oder weiche Knie bekommt (Stichwort Zensur im Kopf), kann aber auch einfach einen pici-proxy anbieten, über den dann die Anfragen auf picidae weitergeleitet werden. Der Sinn der Aktion ist natürlich, möglichst viele verschiedene Zugänge im Internet bereit zu stellen, damit Zensurversuche ins Leere laufen.

Ganz nebenbei macht der Dienst auch sehr praktische, vollständige Screenshots von langen Webseiten. Das können andere Add-ons zwar auch, aber für zwischendurch läßt sich der Dienst auch dafür verwenden.

Alles in allem also ein sehr interessanter Ansatz, um auch die Wollmäuse des Internet mal zu Gesicht zu bekommen.

 

  • Pro: Screenshot als spyglass, imagemap hilft beim Navigieren, schnell und einfach zu bedienen, eigene Server möglich, GPL
  • Contra: Zugang zur Webseite nicht verschlüsselt, schnelles time-out, was bei langsamen Webseiten zu Fehlermeldungen führt, keine .onion-Adresse

 

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