In seinem Buch “Die Überwachungsmafia” analysierte und diskutierte Per Ström 2003 (und für die deutsche Ausgabe 2005) die Hauptströmungen der drohenden digitalen Überwachung. Im Rückblick zeigt sich, wie Recht er haben sollte.

Jeden Tag werden eine Unmenge an Daten gesammelt und ausgewertet. Das ist für die meisten Menschen zur Selbstverständlichkeit geworden. Ob das so sein muß und wann diese Entwicklung angefangen hat, hat sich Per Ström (so wie manche andere) schon am Anfang dieses Jahrhunderts gefragt.

Ein Auslöser für diese Sensibilisierung waren sicherlich auch die Ereignisse am und um den ersten September 2001. Die darauffolgende Verschärfung der Strafgesetze und die Einschränkung der allgemeinen Freiheitsrechte in allen westlichen Ländern bei dem Versuch, Gewalttaten im Zuge von politischem Radikalismus abzuwehren (auch fälschlicherweise “Terrorismus” genannt *), führten bei vielen liberal gesinnten Menschen zu einem Aufhorchen. Gebracht hat es nichts, möchte man meinen, denn Überwachung und Datensammlung hat bis heute stetig zugenommen.

Elektronische Überwachung – von den Anfängen bis heute

Umso interessanter ist es, das Buch von Per Ström heute mit einem Abstand von ein einhalb Jahrzehnten noch einmal zu lesen. Das Buch rollt in 22 Kapiteln den Stand der Überwachungstechnik um die Jahrtausendwende auf. Dieser Stand ist geprägt von neuartigen technischen Entwicklungen, die erst durch die umfassende Digitalisierung der 80er und 90er Jahre möglich wurde.

An den Anfang stellt er die Erkenntnis, dass sowohl Staatsapparate als auch Privatwirtschaften, allen voran die USA und ihre digitale Wirtschaft, enorme finanzielle Ressourcen aufwenden, um so viel Informationen wie möglich zu sammeln, zu verknüpfen und auszuwerten. Wie die Unterlagen gezeigt haben, die durch Wikileaks und Edward Snowden ans Licht der Öffentlichkeit kamen, war diese Erkenntnis nicht aus der Luft gegriffen.

Per Ström listet in den ersten 16 Kapiteln eine Reihe von Datensammlungen auf. Sei es Flugpassagierdaten, Bewegungsdaten von Fahrzeugen, öffentlichen Nahverkehr oder Personen (mit Hilfe von RFID-Chips), Kameraüberwachung des öffentlichen Raums, Kundenprofile bei Einkäufen, Kommunikationsüberwachung am Arbeitsplatz oder per Telekommunikation, Software-Spionageprogramme und herstellerseitige Computermanipulation – kein Aspekt unseres täglichen Lebens bleibt unbeachtet. Erschreckend ist an dieser Stelle zum Einen, wie umfassend die Möglichkeit, aber auch die Machbarkeit der Eingriffe bereits vor 15 Jahren waren. Zum Anderen zeigt sich im Rückblick, dass, bis auf wenige Ausnahmen, die meisten dieser Möglichkeiten heutzutage bis zur gesetzlichen und alltäglichen Normalität herangereift sind.

Informationen haben keine Überzeugung

Per Ström zeigt aber auch, dass diese Techniken jede für sich weitgehend nutzlos wären, wenn sie nicht über globale Netzwerke miteinander verbunden und in gigantischen Datenbanken zusammengeführt werden könnten. Nicht die Information an sich, sondern ihre Verknüpfung und Auswertung machen erst umfassende Profilbildungen möglich.

Seien es Abhörtechniken wie das Echolon-Netzwerk, dass bereits in den 90er Jahren die globale Telekommunikation lückenlos mithörte und auswertete, aber auch aktuellere Beispiele von Suchmaschinen wie Google bis hin zur Vorratsdatenspeicherung und NSA; die meisten Themen waren bereits 2005 in dieser oder einer Vorläuferform im Entstehen.

Sachstandsbericht und Bewertung

Per Ström teilt sein Buch auf in die Teile “Elektronische Überwachung und Spionage – Eine Übersicht” und in “Wie sind Nutzen und Gefahren der neuen Technik gegeneinander abzuwägen?” Der erste Teil, wie eingangs beschrieben, umfasst 200 Seiten.

Im zweiten Teil versucht er auf 100 Seiten eine Bewertung der Entwicklungen und faßt diese in der Sequenz zusammen: “Gelegenheit weckt Begehrlichkeiten!”. Wo Informationen sind, wird sich immer jemand finden, der sie unbedingt für seine Zwecke nutzen möchte.

Deshalb muss unser politisches und persönliches Bestreben dahin gehen, Daten, wenn sie sich nicht vermeiden lassen, nur und ausschließlich für den autorisierten Zweck zu verwenden und bestenfalls anschließend wieder zu löschen.

Fazit

Ich habe mit diesem großen zeitlichen Abstand das Buch “Die Überwachungsmafia” von Per Ström mit großem Interesse, dem einen oder anderen Schmunzeln über unsere damalige Naivität und großem Grausen vor den heutigen Zuständen erneut gelesen. Wer sich die Zeit nehmen will und das Thema auch historisch interessant findet, dem sei das Buch als kleines Brevier empfohlen. Und wenn es in der Erkenntnis mündet: Grundsätzlich geändert hat sich seit damals eigentlich nichts.

Per Ström: Die Überwachungsmafia; München, Wien, 2005; Karl Hanser Verlag

(* Ich meine damit, dass “Terror” definitionsgemäß erst einmal strukturelle Gewalt durch eine übergeordnete Macht bedeutet und zweitens durch die neue Verwendung des Begriffs “Terrorismus” eine zweite Form von krimineller Gewaltanwendung geschaffen wird, die neben der bisherigen Gewalt existieren soll. Die kriminelle Gewalt des “Terrorismus” ist plötzlich untrennbar mit einer persönlichen Motivation verknüpft, in diesem Fall mit einer politischen Haltung. Damit wird eine Motivation sanktioniert. Eigentlich ist und bleibt die physische Gewaltanwendung – ganz gleich, welcher Motivation sie entspringt – eine kriminelle Handlung.)

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