Ein Essay auf Deutschlandfunk von dem britischen Autor John Lanchester beschäftigt sich mit Facebook, dessen Aufstieg und seinem Geschäftsmodell und was das über unsere Gesellschaft aussagt. Unbedingt hörenswert!

Ende Juni 2017 teilte Facebook mit, dass es eine neue Schwelle erklommen habe: Zwei Milliarden monatlich aktive Nutzer würden den Dienst in Anspruch nehmen. Facebook muss, als börsennotiertes Unternehmen, jedes Quartal mit anderen, noch spektakuläreren Zahlen protzen, damit die gierigen Menschen auf dieser Welt auch weiterhin an den Fetisch vom unbegrenzten Wachstum glauben.

Andererseits zeigt diese Zahl eindrücklich, wie Menschen rund um den Globus als Masse zu einem Rohstoff geworden sind, der scham- und rücksichtslos ausgebeutet und abgebaut werden muss – und sich auch bereitwillig ausbeuten läßt.

Facebook entsteht erst im Auge des Betrachters

Facebook hat nichts und ist nichts – Facebook entsteht erst im Auge des Betrachters. Denn es erzeugt ein kurioses Interessengeflecht: Auf der einen Seite stehen jene Unternehmen und Institutionen, die mittels passgenauer Erfassung aller Eigenschaften und Interessen von jedem einzelnen Menschen hoffen, ihre eigenen Investitionen zu reduzieren und damit ihren Profit zu steigern (oder eben auch nur ihren Steuerungsaufwand zu reduzieren). Auf der anderen Seite stehen all jene Menschen, die mit dem Versprechen, auf diesem Weg noch leichter und noch mehr Nestwärme (soziale Verbindlichkeit) erlangen zu können. An dieser Schnittstelle hat sich Facebook plaziert, schöpft von beiden Seiten den informationellen Rahm ab und suggeriert darin einen materiellen Wert.

Eine Art Glaubensbekenntnis

Auf der einen Seite also ein “Erkenne die Welt” und auf der anderen ein “Gehe auf im Ganzen”. Dabei existieren beide Ziele, auf die sich die Akteure richten, überhaupt nicht und enstehen erst aus der Hoffnungen heraus. Facebook nimmt eigentlich eine Rolle ein, ähnlich wie die Erlösungsversprechen der großen Glaubensgemeinschaften dieser Welt. Facebook ist es also gelungen, eine Art Glaubensbekenntnis zu erschaffen, das sich erst durch den festen Glauben scheinbar materialisiert. Und ähnlich wie die großen Kirchen lebt es damit bisher ausnehmend gut.

Aufstieg und Höhenflug eines Monsters

In einem eindrucksvollen und umfassenden Essay hinterfragt und durchleuchtet der britische Schriftsteller John Lanchester das Unternehmen Facebook, seine Entstehung und sein Geschäftsprinzip. Dabei zieht er weite Kreise quer durch eine Branche, für die Daten schon lange nicht mehr Informationen bedeutet, sondern der Rohstoff ist, gewonnen aus Beziehungen zwischen Menschenmaterial.

Der Essay wurde für den Deutschlandfunk ins deutsche übertragen und eingesprochen. Absolut hörenswert!

 

Essay und Diskurs – Deutschlandfunk: Über Facebook – Du bist das Produkt

Essay und Diskurs – Deutschlandfunk: Das Produkt bist Du. Über Facebook – Teil 1