Firefox 57 soll vieles anders und alles besser machen. Mozilla verspricht vollmundig, der Browser sei “Doppelt so schnell surfen, Top-Privatsphäre-Schutz und gut für das Internet.” Na, wir sind gespannt.

Firefox ist mit der Versionsnummer 57 schon einige Tage ausgespielt. Einen Namen hat das Tier auch bekommen: Quantum. Der Lateiner weiß, Quantum ist die Frageform des Ausrufs “Quantus” “wie viel, wie groß”. Wir schließen uns also der Frage an: Wie groß ist denn der Technologie-Sprung und wohin?

Sich mit der Konkurrenz zu vergleichen ist immer gut. Aber ist es auch besser?

Dass mit jeder Version einer Software alles besser und vor allem schneller wird, daran haben wir uns ja schon seit Windows 95 gewöhnt. Und natürlich schreibt Mozilla, die neue Version ermögliche einen “Schnelleren Seitenaufbau bei weniger Speicherbedarf”. Tatsächlich verschlingt mein Firefox 56 (mit einer Grundausstattung an Add-ons) nach dem Laden der ersten Webseiten circa 250 MB Arbeitsspeicher und pendelt sich bei 350 MB ein.

Das ist verdammt viel, zumal er dafür nur einen Prozess zur Verfügung hat. Mein Firefox 57 genehmigt sich nach dem Start im Leerlauf ebenfalls 260 MB, verteilt diese aber auf vier Prozesse. Weniger Speicherbedarf ist das jetzt nicht gerade. Der Hauptspeicherbedarf hat sich damit zwar nicht geändert, aber der Speicher läßt sich damit flexibler nutzen. Das lohnt sich allemal.

Vor allem interessiert mich natürlich der Aspekt Privatsphäre. Wer den Mund so voll nimmt, von “Top-Privatsphäre-Schutz” zu reden, muss auch Belege liefern. Insgesamt hat Mozilla die Schraube etwas angezogen, aber nicht so weit, dass es der Werbewirtschaft ernsthaft weh tun wird. “Do-not-track-me” ist immernoch das gleiche Bettelspiel wie ehedem und der SafeBrowsing-Dienst von Google, um vor Downloads schädlicher Objekte zu schützen, ist natürlich auch eine Farce.

Privater Modus ist nicht privat

Der Private Modus hat ja schon immer ein bisschen von “Privatsphäre light”. Das hat sich auch nicht grundlegend geändert. Was daran die Privatsphäre schützen soll, die Browserchonik nach dem Schließen des Browsers zu löschen, wird mir wahrscheinlich mir Klein Erna erklären können. Aber die hat ja auch einen Facebook-Account. Etwas besser ist da schon der rudimentäre Trackingschutz von Disconnect.me.

Privatsphäre ist anders. Aber das wissen wir ja schon.

Aber auch hier wird die Sicherheit zugunsten der Usability beschnitten. Heißt: wenn ein Webseitenprogrammierer auch schön viele Hindernisse einprogrammiert, die seine Seite verstümmeln, wenn nicht alle Scripte und Cookies und was es sonst noch alles gibt, freigeschaltet sind, kann er sicher gehen, dass seine Seite von Disconnect.me verschont wird. Das klingt unlogisch – ist es auch.

Datenübermittlung an Mozilla – Die Datenschutz-Erklärung

Mozilla muss ja bekannlich eine Datenschutz-Erklärung liefern und tut dies auch vorbildlich. Endlich einmal kann man im Detail nachlesen, was alles so über die Leine geht. Beruhigend ist das nicht, aber wenn ich schlecht schlafe, weiß ich jetzt wenigstens warum.
Die Datenschutz-Erklärung beginnt deshalb auch gleich mit folgendem Schocker:

  • Interaktionsdaten: Firefox sendet Daten über Ihre Interaktionen mit dem Firefox-Browser (z. B. die Anzahl offener Tabs und Fenster, die Anzahl der besuchten Webseiten, Anzahl und Typ der installierten Firefox-Add-ons sowie Sitzungslänge) sowie mit den Firefox-Funktionen, die von Mozilla oder unseren Partnern angeboten werden (z. B. Interaktion mit Firefox-Suchfunktionen und Suchpartnerverweisen) an uns.
  • Technische Daten: Firefox sendet Daten über Firefox-Version und Sprache, Gerätebetriebssystem und Hardware-Konfiguration, Speicher, grundlegende Informationen über Systemabstürze und Fehler, Ergebnisse automatisierter Prozesse wie z. B. Updates, SafeBrowsing und Aktivierung an uns. Wenn Firefox Daten an uns sendet, wird Ihre IP-Adresse kurzzeitig als Teil unserer Server-Logs erfasst.

Na? Noch fragen? Das ist erst das Vorspiel. Ich empfehle eine eingehende Lektüre dieser und aller anderen Datenschutz-Erklärungen

Add-ons – alles auf Null

Mozilla hatte ja bereits frühzeitig bekannt gegeben, dass die Add-ons alter Machart bald nicht mehr funktionieren würden. Und tatsächlich ist jetzt Schluss mit Add-ons auf Basis von XUL/XPCOM. Es werden zukünftig ausschließlich WebExtensions add-ons akzeptiert.

Hallo Zukunft – hallo Echo

Der Aufschrei ist entsprechend groß, denn damit fallen viele Add-ons hinten runter, die klein und praktisch waren. Denn viele der engagierten open-source-Entwickler haben bereits angekündigt, dass sie ihre Add-ons nicht portieren und damit neu schreiben werden, weil der Aufwand sich für sie nicht lohnt.

Andererseits klann ich Mozilla insoweit verstehen, dass die alte Technologie in Verruf geraten war, eine Hintertür für Malware-Code zu öffnen. Auch der Versuch, mit Signaturen im Stil von Apple oder Google-Store den Code zu verifizieren, hat nicht richtig gut funktioniert.

Ganz unbelehrbare wie ich bekommen die alten Hobel in einen ausgelagerten Bereich verschoben. Man darf dann immerhin noch nach Ersatz fanden, was aber nach meiner Erfahrung nur selten von Erfolg gekrönt ist. Bisher sind etwas über 7000 Add-ons für die neue Plattform fertig gestellt (von mehreren hundertausend). Wieviele es letzlich werden, bleibt abzuwarten. Ein Großreinemachen kann ja nicht schaden. Es waren ja einige sehr fragwürdige Add-ons darunter, man denke nur an die Aufruhr wegen WOT.

Fazit

Mit der Überarbeitung des gesamten Codes und dem Umstieg auf die Programmiersprache Rust kann man natürlich hoffen, dass der Code insgesamt auf Sicherheit und Fehlerreinheit überarbeitet wurde. Ob dies der Fall ist, müssen andere beurteilen und die Zeit bringen.

Ich persönlich finde, dass Mozilla zu viel Energie auf überflüssige “Features” (so auch genannt) ver(sch)wendet, wie Pocket (eine aufgehübschte Linkverwaltung), Screenshots auf Mozilla-Servern zu speichern (was hat sie denn da angeschossen), und neuerdings der Versuch, Gaming und Virtual Reality in den Browser zu heben. All das sind überflüssige Gimmiks, die sehr gut in Add-ons oder eingenständige Anwendungen ausgelagert gehören und macht den Browser nur immer lahmer und dysfunktionaler. Das dies ein Irrweg ist, sollte der halbherzige Versuch klargemacht haben, Videochat in den Browser zu integrieren.

Gut gemeint ist halt etwas anderes als gut. Mit dieser marketinggetriebenen Herangehensweise werden sie langfristig auch noch die letzten Benutzer verlieren und den Weg ihres Stammvaters Netscape gehen. So wird der große Sprung vielleicht ein weiterer Schritt in die Bedeutungslosigkeit.

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